NEUE ST-SERIE Wir stellen kleine Museen der Stadt vor. Das erste Beispiel: die Reiderei Lauterjung.
Von Martine Krause
„Reiderei, das kommt von ,Gereïden’, also Geräte. Weil man für diesen Beruf viele Geräte braucht“, erklärt August Scheidtmann (79). Er ist Taschenmesserreidereimeister, verbindet seit 63 Jahren Klingen mit dem Taschenmessergriff.
In einer Kurve an der Schaberger Straße steht das kleine Fachwerkhaus, wohl 1906 gebaut. Arthur Lauterjung war die dritte Taschenmesserreiderei-Generation der Familie. 50 Jahre lang arbeitete er hier. 1969 steht auf dem Kalender an der Wand. Das letzte Jahr, in dem er hier gearbeitet hat.
Seit zwölf Jahren können Laien Messer zusammensetzen
Als Scheidtmann vor zwölf Jahren zusammen mit Vertretern vom Industriemuseum des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) – zu dessen Außenstellen die Reiderei heute gehört – das Haus betrat, war er fasziniert: „Ich hatte den Eindruck, der Mann muss nur eben mal zum Kaffeetrinken gegangen sein“, sagt Scheidtmann. „Ich war so berührt, ich hab’ sofort gesagt: Ich mach’ hier weiter.“
Seitdem können Kinder und Erwachsene bei ihm ihr eigenes Taschenmesser zusammensetzen. Acht Kinder und zwei Erwachsene – auch aus Monheim, Krefeld und Korschenbroich sind sie angereist – sind diesmal im Haus mit den vielen Sprossenfenstern und Fensterläden dabei. Mit zaghaften, noch nicht ganz treffsicheren Hammerschlägen werden zuerst die beiden Griffhälften am Schraubstock mit Nieten zusammengefügt.
„Jetzt kommt die Klinge“, sagt Scheidtmann. Sie wird zwischengeklemmt, wieder wird ein Niet eingeschlagen. „Denk an deine Finger“, mahnt der Profi. Damit aus dem „Schlabbermesser“ ein stabiles Taschenmesser wird, die Klinge entweder im Heft liegt oder senkrecht steht, muss die innen liegende Feder auf Spannung gebracht werden. Noch ein Niet. Mit der Kneifzange werden die überstehenden Stifte abgeknipst. Jetzt müssen die Messer nur noch zum „Ausmacher“, der die Kanten abrundet und die Oberflächen poliert.
„Die Reiderei ist unglaublich vielfältig und sehr abwechslungsreich. Auch die vielen vorbereitenden Arbeiten, die nötig sind“, sagt Scheidtmann. Die zahlreichen Geräte und Werkzeuge in der nach Holz und Metall riechenden Reiderei zeugen davon.
Leonie (9) mag gar nicht wieder gehen: „Es ist so gemütlich hier.“ Und Florian (8) ist nicht der einzige, der es „ganz toll“ fand, sein eigenes Taschenmesser zu fertigen.