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Die Frau, die keiner vermisst
Von Kerstin Neuser An Heiligabend muss die Verzweiflung am größten gewesen sein. Wo genau sie vorher war, weiß niemand. Vielleicht ist sie durch die Straßen gegangen, hat fröhliche Menschen hinter all den hell erleuchteten Fenstern beobachtet, die gemeinsam das Fest der Liebe feiern. Kurz nach Mitternacht, um 0.48 Uhr, hat die Frau ihr Ziel erreicht. Auf den Bahngleisen bei Vieringhausen wartet sie auf den aus Solingen kommenden Müngstener (RB 47). Niemand wird sie vermissen.
Die Polizei bittet um Hinweise auf die Unbekannte Frau. Sie war 1,63 Meter groß, wog 80 Kilogramm und war 20 bis 35 Jahre alt. Sie hatte braunes Haar, grau-grüne Augen und eine Tätowierung (Foto). Neben künstlichen Fingernägeln trug sie diversen Ohrschmuck: vier Stecker im rechten Ohr, zwei im linken. Zeugen melden sich im Kriminalkommissariat 11 unter Tel. (0202) 2840. Ein trauriger Fall, der auch für die Polizei nicht alltäglich ist. Die Ermittler haben bislang nicht mehr als einige Spuren und Vermutungen. In akribischer Kleinarbeit suchen sie nach dem einen, entscheidenden Hinweis, um der Toten wenigstens ihren Namen zurückzugeben. Sie trug weder Geldbörse noch andere persönliche Dinge bei sich. Deshalb glauben die Ermittler, dass sie aus der unmittelbaren Umgebung kommt. Der bundesweite Abgleich mit Vermisstenanzeigen hat bislang keine Treffer ergeben. "Hintergrund ihrer Tat könnte soziale Verarmung sein. Womöglich hatte sie kaum soziale Kontakte", sagt Polizeisprecherin Anja Meis. Ihre Kollegen nutzen deshalb alle technischen Hilfen, die ihnen zur Verfügung stehen. So hat die Pathologie DNA-Proben und Fingerabdrücke gesichert, um sie mit den Datenbanken abzugleichen. "Darin sind aber natürlich nur Menschen erfasst, die jemals erkennungsdienstlich behandelt worden sind." Ist die Frau nie straffällig geworden, wird auch die DNA-Probe nicht helfen. Es wird einige Wochen dauern, bis Ergebnisse vorliegen. Ein Schlüssel zur Identität könnte auch die Tätowierung der Frau am Unterbauch sein: eine Rose, geschlungen durch ein 15 Zentimeter langes Tribal. "Meine Kollegen haben Kontakt zu einem Tätowier-Forum aufgenommen", sagt Anja Meis. Man hoffe darauf, dass ein Tätowierer sein Werk wiedererkennt. Ähnlich ist es mit dem Zahnstatus. "Der wird unter Zahnärzten und in der Fachwelt kommuniziert." Letzter Strohhalm für die Ermittler ist eine Art Phantomfoto. Pathologen und Spezialisten des Landeskriminalamtes sind dabei, das Gesicht der Toten zu rekonstruieren, um ein Bild von ihr zu bekommen. "Wir nutzen alle Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, um die Identität dieser Frau zu klären", sagt Anja Meis. In Deutschland hat jeder Tote das Recht auf eine würdige Beisetzung. Sobald die Rechtsmedizin nichts mehr tun kann, werde die Frau beerdigt. Die Ermittler werden sie nicht vergessen - bis ihre Identität geklärt ist. |
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